Sind Kameras nur noch was für Reiche?

„Leica verkauft Kameras – inzwischen vor allem digitale Geräte – zu hohen Preisen. „Alles, was kameratechnisch in die Nähe einer Handy-Leistung kommt, verschwindet aus dem Markt“, sagte Harsch.

Dort seien früher die hohen Volumen gewesen. „Aber in der Preisklasse für Kameras über 3000 Euro, wo sich auch materiell der Knipser vom Fotografen unterscheidet, gibt es erhebliches Wachstum.“

So steht es in einem Artikel auf welt.de.

Das reiht sich ein in die Mitteilungen anderer Hersteller, die ihre Kompaktkameras verschwinden lassen und in die Neuankündigungen von Kameras, die bei 1000 Euro anfangen, in der Regel mindestens 2000 Euro kosten und meistens nun schon um die 3000 Euro und natürlich mehr.

Und die neusten Smartphones der sog. Highendklasse und Iphones fangen auch nicht mehr unter 1000 Euro an.

Da haben sich ja in den letzten drei bis fünf Jahren die Preise verdoppelt.

Die Debatte um höhere Preise und bessere Fotos erspare ich mir, weil es digital immer auf das Endgerät beim Betrachten ankommt und es keinen objektiven Maßstab gibt.

Interessant ist die Argumentation von Harsch, daß alle, die nicht mindestens 3000 Euro für eine Kamera ausgeben, nur „Knipser“ sind und keine Fotografen. Entweder hat Herr Harsch keine Ahnung von Fotografie oder er will bewußt die Mehrzahl der Menschen ausgrenzen. Ich vermute beides, da dies ja der Versuch ist, die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie im Sinne von Statussymbolen zu nutzen im Sinne von „ich kaufe also bin ich kompetent“. Das habe ich bei Mister White beschrieben.

Laut wikipedia ist Knipser ein anderes Wort für Amateurfotograf und da wird es dann besonders spannend…

Oder noch etwas literarischer: „Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. Photographieren ist nur insofern Kunst, als sich seiner die Kunst des Beobachtens bedient. Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen.“ Das ist von Friedrich Dürrenmatt. Da kommt Leica oder ein Preis von 3000 Euro nicht drin vor.

Nun denn!

Wer mit nicht so teuren Kameras fotografiert, hat vielleicht den fotografischen Adelsbrief, den man nicht kaufen kann.

Und dann ist da noch der Markt der guten gebrauchten Digitalkameras – er ist riesig und qualitativ sehr hochwertig.

Wer selbst Fotos gestalten will mit Kreativität, Verwacklung, Unschärfe etc., der braucht keine teuren Geräte und wer manuell fotografiert, der ist mit den Geräten der letzten zehn Jahre und den neuen chinesischen manuellen Objektiven sowieso besser bedient, wenn es um Haptik, fotografische Praktik und Eleganz statt klobiger Klotzen geht.

Ich beobachte zudem noch andere Entwicklungen.

  • Fast alle Fotos, die online in Galerien mit den neusten Kameras oder Objektiven gezeigt werden, sind nachbearbeitet.
  • Beeindruckend viele Fotos, die in den letzten Jahren Preise gewonnen haben und aus der Realität stammen, sind mit einem Iphone 11 oder XR aufgenommen und nicht nachbearbeitet – beste Fotoqualität ist also eine Geschmacksfrage im Zeitgeist
  • Warum sollten heute mehr Menschen teurere Kameras kaufen, wenn Ihnen schon ein Smartphone zum Fotografieren reicht?
  • Der Markt mit ärmeren Menschen wird immer größer, weil es immer mehr arme Menschen gibt. Was wird da passieren?

Es wird in jedem Fall schwierig und holprig, wenn man die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie und die neuen Entwicklungen am Kameramarkt sieht.

Diejenigen, die ich kenne und die immer eine sog. Vollformatkamera wollten, wollen so gut wie alle seit ein paar Jahren keine mehr, weil sie mit einem Iphone 11 bis 13 jetzt wirklich alles abdecken, was sie fotografieren wollen: Menschen, Landschaft, Essen, unterwegs.

Sie können sich heute meistens gar nicht mehr vorstellen, mit einer Kamera rumzulaufen. Und diese Menschen sind alle über 50, also noch aus der ursprünglichen Kamerazeit.

Vielleicht setzen die Hersteller deshalb auf die jungen Menschen, die aus anderen Gründen dann doch wieder in das einsteigen wollen, was mein Umfeld hinter sich gelassen hat….

Zeitgeist in parallelen Welten…

 

 

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1 Kommentar

  1. […] Es gibt ja immer noch den Leicastatus, mit dem man sich den Zutritt in die fotografische Welt der neuen Ober-Mittelschicht und Oberschicht erkauft, um irgendwie dabei zu sein und den M Mythos zu leben. Und er wurde erfolgreich wiederbelebt. […]

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